Frage beantwortet

Warum warten Fernverkehrszüge nicht auf die Zubringer (Nahverkehr)?

Beispiel:
Meridian von Salzburg nach München Hbf hatte 10 min. Verspätung. Anschluß
ICE hat nicht gewartet. Da ging es um ca 1-2 Minuten.
Kann da nicht kommuniziert werden?

Gleisiene
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Das Problem:

Man kalkuliert immer mit sehr langsamen Personen und der normalen Umstiegszeit. Und da man keine 10 Minuten auf die Langsamsten warten will, fährt man den ersten Heranspurtenden eben 10 bis 20 Sekunden vor der Nase davon.

In der Schweiz und Österreich kalkuliert man in solchen Fällen mit einer reduzierten Umstiegszeit und der Aufforderung "Bitte rasch umsteigen!" So wartet man dann die 1 oder 2 Minuten, 98% der Fahrgäste bekommen den Anschluss. Das Personal beobachtet die Treppe, und wenn keiner mehr kommt, wird abgefahren. So werden zwar 2% Behinderte oder mit Kinderwagen zurück gelassen, aber 98% kommen noch mit.

In Deutschland verpassen dann halt 100% den Anschluss, wenn man meint, nicht auf die langsamsten 2% warten zu können.

Gelegentlich wartet man dann doch: Dann sind oft schon alle Umsteiger an Bord, aber es wird trotzdem noch 5 Minuten auf evtl. noch kommende gemäß der üblichen Anschlusszeit gewartet, und zwar meist umsonst.

Ein weiteres Problem sind unterschiedliche Betreiber, die anscheinend lieber gegeneinander als gegen Auto und Fernbus um Kunden kämpfen: Die BOB wartet tagsüber NIE auf verspätete ICE - und am späten Abend nur, weil der DB-Fahrdientsleiter die Ausfahrt nicht stellt (dann wären viele Taxis ins Tegernseer Tal wohl zu teuer).

NRW
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Also wäre die beste Lösung für Sie nur die schnellen und starken dürfen Anschlusszüge bei Verspätung bekommen? Der langsame Rest hat dann Pech gehabt.

Leo
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Hab ich doch beschrieben: In der Schweiz und Österreich bekommen in Zweifelsfällen 98% den Anschluss, in Deutschland 0%: Da man nicht auf die 2% Langsamsten warten kann, fährt man 100% mehr oder weniger knapp vor der Nase davon.

Wenn man statistisch gesehen gesehen z. B. 65 von 80 Lebensjahren zu den 98% der nicht sehr Langsamen gehört, bekommt man im langjährigen Durchschnitt im Zweifelsfall in 65 von 80 Fällen in der Schweiz oder Österreich den Anschlußzug, nur in 15 von 80 Fällen nicht. In Deutschland ist der Anschluss-Zug dagegen in 80 von 80 Zweifelsfällen garantiert abgefahren.

Ich kann leider immer noch keinerlei Vorteile des deutschen Systems erkennen.

Kann man mal die Stammtischparolen von Leo zensieren. Es ist ja kaum mehr zum aushalten. Ich dachte wir helfen hier gemeinsam den Kunden und führen keine Schlacht Deutschland gegen Schweiz wer besser ist und wer nicht. So langsam nervt es einfach nur noch.

Leo
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„Kann man mal die Stammtischparolen von Leo zensieren. Es ist ja kaum mehr zum aushalten. Ich dachte wir helfen hier gemeinsam den Kunden und führen keine Schlacht Deutschland gegen Schweiz wer besser ist und wer nicht. So langsam nervt es einfach nur noch.“

Kann man mal dem gern juristische Tatbestandsparolen schmetternden Kollegen dabei behilflich sein, vom hohen Roß herabzusteigen und die Scheuklappen abzulegen? Es ist leider eine Tatsache: Das meiste beim Bahnbetrieb läuft in der Schweiz einfach wesentlich besser. Um dem Kunden wirklich von Grund auf zu helfen (und nicht nur Phrasen zu dreschen) muss man das Problem erst mal anylysieren; und um es zu lösen, braucht man danach nicht umständlich das Rad neu zu erfinden, sondern muss einfach nur mal unvoreingenommen über den Tellerrand hinaus schauen.

Auch wenn es langsam nur noch nervt, versuche ich mal eine sachliche Diskussion:

Ziel bei der DB ist eine maximale HALTE-Pünktlickeit, die entgegen der Kunden-Interessen optimiert wird – und nach fragwürdigen Methoden bestimmt wird:

https://www.deutschebahn.com/de/konzern/konzernprofil/zah...

„Erhebungsgrundlage für die Pünktlichkeitsentwicklung:
Die dargestellten Prozentwerte geben den Anteil pünktlicher Halte in Bezug auf alle Unterwegs-“ !!!! „und Endhalte wieder. Ein Halt wird als pünktlich gewertet, wenn die planmäßige Ankunftszeit um weniger als 6 bzw. 16 Minuten überschritten wurde. Die Pünktlichkeitsstatistik bildet die mehr als 800.000 Fahrten von DB-Personenzügen eines Monats ab. Dabei fließen alle Verkehrshalte der mehr als 20.000 monatlichen Fahrten im Fernverkehr und der rund 780.000 monatlichen Fahrten im Nahverkehr - inklusive aller S-Bahnen - in die Pünktlichkeitserhebung ein.“

Beispiel: Strecke Düsseldorf Hbf bis Dortmund Hbf, Abfahrt in Düsseldorf Hbf zwischen 16h und 17h am 13.11., die Ankunft in Düsseldorf Hbf wird mit berücksichtigt. Erfahrungsgemäß ist außer bei der S-Bahn ein Herausfahren der Verspätung eher unwahrscheinlich. Angenommen, alle Züge fahren mit konstanter Verspätung, dann werden sie je nach Anzahl der Unterwegshalte in der Verspätungsstatistik unterschiedlich gewichtet:

Es fahren:
3 Fernzüge: 2 ICE mit 5 Halten und 1 IC mit 6 Halten, macht insgesamt 16 Fernzug-Halte.
3 RE mit 8 Halten, macht insgesamt 24 RE-Halte
3 S-Bahnen mit 31 Halten, macht insgesamt 63 S-Halte und mit den RE zusammen 87 Nahverkehrszug-Halte.

Obwohl niemand auf so einer weiten Strecke die S-Bahn nutzt, hat sie mit 63 in der Statistik das größte Gewicht, die Fernzüge dagegen nur 16! Damit läßt sich die Statistik aber wunderschön aufhübschen:

Beispiel für diese Strecke: Der Fernverkehr hat eine Pünktlichkeit von miesen 50%, die RE von 70% und die S-Bahn von 95%. Dann errechnet sich die Gesamt-Pünktlichkeit zu:

( 50%*16 + 70%*24 + 95%*63) / (16+24+63) = 82%

In Wirklichkeit ist es ja noch schlimmer, weil die Anzahl der Kunden im betreffenden Zug, die an der Haltestelle wirklich aussteigen, überhaupt nicht berücksichtigt wird!

Und genau diese fragwürdige Pünktlichkeit versucht die DB zu optimieren, in dem sie heran spurtenden Kunden vor der Nase davon fährt:

https://www.spiegel.de/reise/deutschland/bahn-will-mit-fr...

Obige Analyse und mögliche Verbesserungen sind nicht neu, siehe z.B.:

https://www.nzz.ch/wirtschaft/wie-schlecht-ist-die-deutsc...

„Vom eigenen Unvermögen ablenken
Die Deutsche Bahn erklärt auf ihrer Homepage, dass je ein Drittel der Störungen auf die Infrastruktur, auf äussere Einwirkungen wie das Wetter sowie auf die Eisenbahnunternehmen mit ihren Zügen zurückgehen. Die eigene Tochter DB Netz schildert es in ihrem jährlichen Bericht an das Eisenbahn-Bundesamt jedoch anders. Demnach liegt die Ursache für Verspätungen lediglich in 7% der Fälle bei Mängeln der Infrastruktur. Hauptverursacher seien mit zwei Dritteln die Eisenbahnunternehmen selbst.
...
Dazu kommt, dass man eigentlich die Pünktlichkeit für die Kunden ausweisen müsste und nicht die der Züge. Wenn nämlich ein voller Zug im Morgenverkehr ausfällt oder sich verspätet, wirkt sich dies für viel mehr Passagiere aus als bei einem fast leeren Zug in der Nacht. Bei der ausgewiesenen Zugspünktlichkeit werden zudem ausfallende Züge gar nicht erfasst. Damit sieht die Statistik besser aus, als sie ist. Die SBB setzen deshalb in ihrer Berichterstattung nicht auf die Zugs-, sondern auf die Kundenpünktlichkeit, bei der also berücksichtigt wird, wie viele Kunden betroffen sind.“

Und das ist der prinzipielle Unterschied und Schlüssel zur Verbesserung für die Kunden: Nicht eine Milchmädchen-Statistik optimieren, sondern möglichst viele Kunden möglichst pünktlich ans Ziel bringen!

Die DB behauptet dagegen:

https://www.deutschebahn.com/resource/blob/1187698/4ec4a0...

„Wie fließen ausgefallene Züge in die Statistik ein?▪Komplettausfälle oder Teilausfälle werden –wie übrigens bei anderen europäischen Bahnen (SBB, ÖBB u.a.) auch –nicht in Statistiken eingerechnet.“

Weiß die DB es denn tatsächlich wirklich nicht? Glaubt sie denn wirklich an ihre Milchmädchen-Statistik? Ich hoffe, ich kann im folgenden etwas Licht ins Dunkel der Kundenorientierung bringen – mit diesem positiven Beispiel:

https://company.sbb.ch/de/ueber-die-sbb/verantwortung/die...

„Pünktlich für Sie unterwegs.
Unsere Kundinnen und Kunden sicher und pünktlich ans Ziel zu bringen, ist unser oberstes Ziel. … Wir setzen alles daran, unser Versprechen einzuhalten: Reisende erreichen ihren Anschlusszug und kommen pünktlich ans Ziel. Dabei tolerieren wir Abweichungen von +/- 3 Minuten, mehr nicht. “

Bei der Messung der Pünktlichkeit gibt es zwei verschiedene Ansätze: Die Zugspünktlichkeit und die gewichtete Kundenpünktlichkeit. Da wir möglichst viele Kundinnen und Kunden pünktlich ans Ziel bringen wollen, steht für die SBB die Kundenpünktlichkeit im Zentrum.
Die Kundenpünktlichkeit misst den prozentualen Anteil aller pünktlichen Reisenden. Ein Reisender gilt als pünktlich, wenn er am Zielbahnhof mit weniger als 3 Minuten Verspätung ankommt und seine Anschlüsse gewährt wurden.
….
Zugspünktlichkeit im Vergleich mit Kundenpünktlichkeit.

Zugspünktlichkeit
Prozentualer Anteil aller pünktlichen Züge
Zug gilt als pünktlich, wenn er mit weniger als 3 Minuten Verspätung eintrifft
Zugausfälle werden nicht erfasst

Kundenpünktlichkeit
Prozentualer Anteil pünktlicher Reisender an Bahnhöfen und auf dem ganzen Netz
Umfasst Ankunftspünktlichkeit < 3 Minuten und Anschlusspünktlichkeit
Zugausfälle werden erfasst“

Und die SBB versucht, genau diese Kundenpünktlichkeit zu optimieren: Sobald die Anschlüsse der schon im Zugsitzenden bedroht ist und weiteres Warten zu höherer Kundenunpünktlichkeit führen würde, ist es Zeit abzufahren und die Langsamsten zurück zu lassen – nicht früher, aber auch nicht später!

Nach meinem persönlichen Geschmack würde ich sogar eine wesentlich größere Ankunfts-Unpünktlichkeit am Ziel als die 3 Minuten in der Schweiz akzeptieren – Hauptsache die Anschlüsse klappen.

Weiter im NZZ-Artikel vom 25.8.2018:

„Die SBB setzen deshalb in ihrer Berichterstattung nicht auf die Zugs-, sondern auf die Kundenpünktlichkeit, bei der also berücksichtigt wird, wie viele Kunden betroffen sind. Auch ausfallende Züge gehen in diese Kennzahl ein. Im letzten Jahr erreichten nun 89% der SBB-Passagiere ihr Ziel mit weniger als 3 Minuten Verspätung, was auch gewährleistet, dass die Anschlusszüge erreicht werden. Dies ist der beste Wert seit sechs Jahren. Die Deutsche Bahn veröffentlicht diese an der Nachfrage orientierte Grösse nicht. Auf Anfrage heisst es immerhin, dass ein solcher Schritt geprüft werde. 2019 könnte es so weit sein.“

Und jetzt, ein Jahr später: Wann ist es endlich so weit?