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Mit Bahncard auch in Dieselnetzen CO2-frei unterwegs?

Ich weiß, dass ich mit der Bahncard mit 100% Ökostrom unterwegs bin.

Nun steht da aber auch: "Unsere BahnCard-Kunden sind Klimaschützer. Denn jeder Inhaber einer BahnCard fährt mit uns automatisch CO2-frei."

Gilt das also auch für Zugverbindungen, die mit Diesel-Tf / -Loks durchgeführt werden? Wird hierfür dann eine Kompensationszahlung geleistet? Wie funktioniert das?

bierbank234
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Hustensaft
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Das gab (gibt noch?) es noch abstruser:
Strecke auf der Marschbahn, die nicht elektrifiziert ist, aber von ICs bedient wird - und die Kunden ohne BahnCard werden im Buchungsprozess gefragt, ob sie für den Aufpreis von 1 Euro mit Ökostrom fahren wollen ...

Das ist nicht abstrus und funktioniert über den Anteil an Ökostrom den die Bahn einkauft.
Auch wenn in einem ICE 90% BahnCard Kunden sitzen, so bedeutet das nicht dass genau dieser ICE 90% Ökostrom und 10% konventionellen Strom aus der Oberleitung zieht.
Der Anteil der Energie der für BahnCard Kunden im Fernverkehr benötigt wird, wird als Ökostrom eingekauft. Auch wenn der Kunde nicht auf einer elektrisch betriebenen Strecke fährt, wird dafür der entsprechende Teil Ökostrom eingekauft und daher CO2 Eingespart.

Es geht um die Gesamtenergiebilanz und den CO2 Ausstoß des Konzerns. Bildlich gesprochen heißt das, Für einen Dieselzug mit BahnCard Kunden fährt woanders ein E-Zug ohne BahnCard Kunden trotzdem mit Ökostrom und spart das von der Diesellok ausgestoßene CO2 wieder ein.

bierbank234
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Gut, im Fernverkehr fährt die Bahn ja sowieso schon ausschließlich mit Ökostrom: "Seit Januar 2018 fahren die Kunden in allen elektrisch angetriebenen ICE- und IC/EC-Zügen
im DB Fernverkehr mit 100 Prozent Ökostrom."

Ich war der Meinung, dass der Spruch "Unsere BahnCard-Kunden sind Klimaschützer. Denn jeder Inhaber einer BahnCard fährt mit uns automatisch CO2-frei." auch für den Regionalverkehr gilt?

Leo
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https://www.zeit.de/2018/52/klimaschutz-co2-emissionen-kl...

Prinzip der CO2-Kompensation beim Fliegen: Es wird munter klimaschädliches CO2 und sonstiger Abgas-Dreck in gleichem Umfang über Deutschland und Europa in höhere Luftschichten geblasen, wo es die schlimmsten Effekte hat. Zum Ausgleich dafür wird irgendwo im Afrika weniger CO2 in tiefere Schichten eingebracht, wo die Effekte aber ohnehin nicht so schlimm sind.

Das Prinzip des Strom-Mixes erkläre ich mal bildlich am Rhein: Ganz in der Nähe des Bahnhofs Reichenau-Tamins in Graubünden vereinigen sich der Vorder- und der Hinterrhein. Oft führt der eine Zufluß ganz sauberes, blaugrünes Wasser, aber der andere eine dreckige dunkel-graue Brühe. Kurz nach dem Zusammenfluss kann man noch deutlich eine grüne und eine graue Seite erkennen, doch nach ein paar Kilometern ist alles nur noch hell-grau: Man hat dann mitteldreckiges Wasser, das man gar nicht mehr in ganz sauber und ganz dreckig trennen kann. Jeder, der Wasser aus dem Fluss entnimmt, bekommt die gleiche mittel-dreckige Brühe.

So läuft es auch beim Strom: Weiter weg leiten Kraftwerke z.B. 40% sauberen und 60% dreckigen Strom gemischt in dieselbe Leitung. Wenn nun jemand guten Gewissens einen Ökostrom-Vertrag abschließt, zahlt er freiwillig mehr dafür, dass er auf dem Papier 100% sauberen Strom bezieht. Er bekommt zwar exakt dasselbe, wie sein Nachbar zahlt aber freiwillig mehr. Wenn so insgesamt 100MW erzeugt werden und gerade Leute mit Ökostrom-Verträgen 20MW physikalisch gesehen GEMISCHTEN Strom verbrauchen, verspricht man Ihnen auf dem Papier 100%-Ökostrom, also auf dem Papier 20MW von den insgesamt 40MW erzeugten sauberen Stroms. Für die Normalkunden bleiben dann noch 20MW Ökostrom und die ganzen 60MW dreckiger Strom übrig. Auf dem Papier beziehen sie jetzt 20MW/80MW=25% sauberen und 60MW/80MW=75% dreckigen Strom. Hat sich für die Umwelt irgend etwas verändert, dadurch das 20% freiwillig mehr für angeblich reinen Ökostrom zahlen? Nein, natürlich nicht: Jeder bekommt physikalisch nach wie vor denselben Mix aus 40% sauberem und 60% dreckigen Strom. (Daher habe ich keinen expliziten Ököstromvertrag, bleibe aber unseren Gemeindewerken treu, die gerade unser Geothermie-Kraftwerk hochfahren; dadurch wird die Umwelt nämlich wirklich entlastet.)

Zum Strommix der Bahn nach ähnlichem Muster hier ein interessanter Artikel:

https://www.fr.de/wirtschaft/gruene-bahn-10991713.html

„Mit den 100 Prozent wird seit Monaten geworben. Gemeint ist damit: Der Staatskonzern verspricht, dass er genau so viel elektrische Energie aus erneuerbaren Quellen einkauft, wie er im Fernverkehr verbraucht. Doch das macht nur einen kleinen Teil des gesamten DB-Bedarfs aus. Unter dem Strich will der Schienengigant in diesem Jahr lediglich 45 Prozent seines Stromverbrauchs mit grüner Elektrizität bestreiten, und dabei soll es bis 2020 bleiben – nachdem es im vergangenen Jahr ein Prozentpunkt weniger gewesen war.
45 Prozent Erneuerbare, das heißt auch, dass die übrigen 55 Prozent über langfristige Verträge mit den Betreibern von Atom-, Gas- und Kohlekraftwerken abgedeckt werden. Auch aus diesem Grund hält Dominik Seebach vom Öko-Institut die Werbung mit dem klimaneutralen Bahnfahren für sehr bedenklich. „Da wird dem Fahrgast suggeriert, er könne auf Fernstrecken so viel mit der Bahn fahren wie er will, es sei immer klimaneutral.“

Wie lange indes die Lieferverträge mit den konventionellen Erzeugern noch laufen, will der Bahnsprecher nicht verraten. Klar ist: Ende 2018 oder Anfang 2019 soll das riesige Kohlekraftwerk in Datteln 4 hinzu kommen, das vor allem für die Versorgung der Bahn gebaut wurde. Schließlich gibt es dort „die weltweit leistungsstärkste Bahnstromumrichteranlage“, so der Betreiber Uniper. Datteln 4 soll bis zu 413 Megawatt ins Bahnstromnetz pumpen, könnte theoretisch einen Großteil des Energiebedarfs der DB-Züge für viele Jahre decken. Das zeigt: Einen Kohleausstieg wird es bei der Bahn so schnell nicht geben. Das ist Wasser auf die Mühlen von Umweltschützern, die der Bahn vorwerfen, bei den Erneuerbaren hinter ihren Möglichkeiten zu bleiben.“

Und jetzt zur evtl. CO2-Kompenstion von Diesel-Loks ähnlich der CO2-Kompenstion beim Fliegen:

https://www.focus.de/auto/news/abgas-skandal/feinstaub-un...

Da kann man CO2-Kompenstion nur so interpretieren: Es wird zwar weiterhin viel CO2 und Dreck entlang der Bahnstrecken in die Luft geblasen, aber dafür weniger weit weg an Kohlekraftwerken, die aber wesentlich effizientere Filter haben und dank hoher Schornsteine ihre Nachbarn nicht so extrem belasten. Das erinnert mich irgendwie an die Kochtöpfe in Afrika zur Flug-Kompensation.

Leo
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„Ich war der Meinung, dass der Spruch "Unsere BahnCard-Kunden sind Klimaschützer. Denn jeder Inhaber einer BahnCard fährt mit uns automatisch CO2-frei." auch für den Regionalverkehr gilt?“

Da möchte ich nur auf eine alte Diskussion verweisen, das hier zitierte Dokument ist aber leider nicht mehr unter der angegeben Adresse verfügbar:

https://community.bahn.de/questions/1246440-bahn-bonus-fr...
weiter unten

„Danke für den Link zu den Ökostrom-AGB, die mich bisher mangels Beanstandungen überpingeliger Zugbegleiter eher weniger interessierten als Tarifbestimmungen:
„Fahrten bei DB Regio, Nichtbundeseigenen Eisenbahnen und Verbünden ohne eigenes Ökostrom-Konzept sind hiervon ausgenommen. Dies betrifft auch Teilstrecken in diesen Zügen im Vor- und Nachlauf einer Fernverkehrsfahrt.““

Schon damals fragte ich:
„Also mit Ökostrom fährt man eindeutig mit Diesel-Loks im IC/EC von Itzehoe nach Westerland oder von München nach Lindau? Wie funktioniert das eigentlich? Oder auch von Hamburg bis Flensburg(Gr) in Richtung Aarhus oder bis Puttgarden (MS) in Richtung Kopenhagen. Betrifft das Ökostrom-Versprechen hier eigentlich auch noch den Schiffs-Brennstoff von Puttgarden bis Puttgarden MS (bis Rödby geht es ja dann weiter auf das DSB-Umweltkonto)?“

Nein, da gibt es anscheinend doch keinen Ausgleich – noch nicht einmal im Fernverkehr! Als implizite Antwort auf meine damalige Frage wurde das Ökostrom-Versprechen einfach aufgeweicht: „Seit Januar 2018 fahren die Kunden“ NEU: „in allen elektrisch angetriebenen“ !! „ICE- und IC/EC-Zügen im DB Fernverkehr mit 100 Prozent Ökostrom."

https://www.deutschebahn.com/de/nachhaltigkeit/umweltvorr...

„Absolute CO2-Emissionen nach Fahrten, Transporte und stationären Anlagen (in Mio. t)
2018
2017
2016
Gesamt
20,81
21,25
20,46
davon Schienenpersonennahverkehr
2,91
2,98
2,91
       davon Deutschland
2,15
2,21
2,21
davon Schienenpersonenfernverkehr
0,05
0,48
0,47“

Demnach ist der Schienenpersonenfernverkehr zwar fast, aber nicht ganz CO2-frei. Wahrscheinlich sind das genau die Diesel-Strecken. Also offenbar: Wenn Strom-Antrieb, dann zu 100% Ökostrom, aber wenn Diesel-Antrieb gibt’s eben doch CO2. Hier brachte die Einstellung des Diesel-ICE München-Dresden ja erhebliche Verbesserungen: Man fährt jetzt mit 100% Ökostrom einen weiten Umweg über Erfurt und Leipzig.

Im Nahverkehr wird auch gemäß obigen Zahlen nach wie vor viel CO2 erzeugt…

Siehe auch:

https://www.dw.com/de/wie-gr%C3%BCn-ist-die-deutsche-bahn...

Auch in so manchem DB-Museum wird das Thema angesprochen:

https://619735.forumromanum.com/member/forum/forum.php?q=...

Ausführliche Hintergrundinfo in eher trockenem Stil:

https://dipbt.bundestag.de/dip21/btd/19/101/1910121.pdf

Wie oben ja für private Ökostrom-Verbraucher dargestellt, bringt 100% Ökostrom für wenige gar nichts, solange sich nicht der Ökostrom-Anteil am gesamten Strom-Mix ändert. Schließlich kommt auf einer Strecke für Fernzüge, Nahverkehrszüge und Güterzüge immer exakt der gleiche Strom aus der Oberleitung! Immerhin ist der DB eine beachtliche Steigerung des Ökostrom-Anteils im Bahnstrom-Mix gelungen, siehe Bundestags-Anfrage:

„5.
Mit Hilfe welcher Maßnahmen konnte der Zuwachs des Anteils an erneuer­
baren Energien im Bahnstrommix von vormals 44 Prozent im Jahr 2017 auf
57 Prozent im Jahr 2018 erreicht werden?
Der Anstieg um 13 Prozentpunkte im Jahr 2018 ist nach Auskunft der DB AG
hauptsächlich darauf zurückzuführen, dass seit dem 1. Januar 2018 bei der
DB AG im Fernverkehr alle Züge mit zu 100 Prozent mit Herkunftsnachweisen
gekennzeichnetem Grünstrom fahren.
6.
Von welchen Energiequellen werden die neuen Regenerativstromanteile be­
zogen?
Es wird auf die Antworten zu den Fragen 2 und 3 verwiesen.“

„2.
Wie verteilt sich der derzeitige Gesamtanteil an Regenerativstrom im Schie­
nenverkehr prozentual auf die diversen grünen Energiequellen?
Der Anteil erneuerbarer Energien im Bahnstrommix 2018 beträgt nach Angaben
der DB AG 57,2 Prozent. Dafür kombiniert die DB AG verschiedene Energieträ­
ger. Die Hauptquelle ist Wasserkraft. So liefern beispielsweise Werke an Rhein,
Mosel, Ruhr, Main, Donau, Lech, Isar, Inn und vom Edersee Wasserkraft über
ein Elektrizitätsversorgungsnetz bilanzielle“!!!!!! „EE-Strommengen an die DB AG.
Derzeit liegen keine detaillierten Angaben zu den einzelnen Energieträgern vor.

Zu welchen Anteilen verteilt sich der derzeitige Regenerativstromanteil im
Schienenverkehr prozentual auf den Einsatz von Grünstromzertifikaten, auf
die physikalische Lieferung von Grünstrom über das 50-Hz-Netz und auf die
Direkteinspeisung in das 16,7-Hz-Netz?
Die DB Energie verwendet keine Grünstromzertifikate für physikalische Grün-
strommengen. Physikalische Grünstrommengen können aus energiewirtschafts­
rechtlicher Sicht grundsätzlich nicht über ein Elektrizitätsversorgungsnetz (Ver­
teiler- und Übertragungsnetze) bezogen werden. Die DB AG verwendet aus­
schließlich Herkunftsnachweise für bilanzielle Grünstrommengen.
Im Übrigen wird auf die Antwort zu Frage 1 verwiesen.“

„1.
Nach welchen Kriterien definiert die DB Energie die eingespeiste Traktions­
energie als Ökostrom?
Für den Nachweis der Grünstromeigenschaften werden nach Auskunft der
DB AG ausschließlich Herkunftsnachweise (§ 79 EEG 2017) verwendet, die im
Herkunftsnachweisregister des Umweltbundesamtes gelistet und entwertet wer­
den. Sie dienen der bilanziellen Kennzeichnung von EE-Strommengen, die in ei­
nem europäischen Mitgliedstaat erzeugt wurden. Sie können unabhängig von der
EE-Strommenge, für die sie ursprünglich ausgestellt wurden, gehandelt werden.“!!!!!!!!!!!!!!!!!
„Dieser Kennzeichnungsmechanismus bezieht sich auf bilanzielle EE-Strommen­
gen.“

Heißt das etwa: Wenn ich jemanden ein Zertifikat abkaufe für irgendwo in Donau oder Tiber gekipptes sauberes Wasser, kann ich hinterher juristisch einwandfrei sauberes Wasser aus dem Rhein schöpfen?

Und damit ist die Brücke zu den Privatverbrauchern geschlagen: Ein Teil des Bahnstroms stammt (über Umrichter) aus dem europaweiten 50Hz-Stromnetz. Bisher trat die DB dort als normaler Kunde auf, d.h. sie kaufte z.B. 10MW im Gebiet des obigen Beispiels als einer der Normal-Kunden, die insgesamt 20MW Ökostrom und 60 MW dreckigen Strom verbrauchen. Jetzt will sie nur noch Ökostrom. Für die verbleibenden Normal-Kunden bleiben so nur noch 10MW bzw. 10MW/70MW=14,3% Ökostrom und 60MW bzw. 60MW/70MW=85,7% dreckiger Strom übrig. In Wirklichkeit werden hier und anderswo aber nach wie vor genau die gleichen Mengen von z.B. 40MW Ökostrom und 60MW dreckiger Strom erzeugt. Der Ökostrom-Privatkunde und der ELEKTRISCHE Bahnfahrer IM FERNVERKEHR dürfen sich über ihr reines Umwelt-Gewissen dank 100% Ökostrom freuen, der gewissenlose Normalkunde muss sich dank DB-Ökostromkauf jetzt statt 75% sogar 85,7% dreckigen Strom vorhalten lassen – obwohl sich rein physikalisch überhaupt nichts geändert hat: 40% sauber zu 60% dreckig für alle!