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Zugbindung und mehrfacher Umstieg: Bei Verspätung Pflicht zur Nutzung eines nicht gebuchten, schnelleren Zuges?

Liebe community,
ich fahre durchaus öfter Bahn und stand zwar noch nie vor dem folgenden Problem - Aber es war durchaus schon mehrmals knapp.
Für mögliche künftige Fälle wüsste ich deshalb gerne, welche Erstattungsansprüche ich im folgenden Fall hätte:

Gebucht ist ein Ticket (mit Zugbindung, also zB Super-Sparpreis) mit Fern- und Nahverkehrsverbindungen wobei es mind. einen Umstieg von einem Fernverkehrszug in einen anderen gibt. (Z.B.: Umstieg von ICE zu ICE in Frankfurt a.M.)

Nun kann es ja durchaus sein, dass der reguläre Anschlusszug, den ich gebucht habe deutlich später losfährt als geplant. Nehmen wir einmal an durch die verspätete Abfahrt am Umsteigebahnhof ergäbe sich eine Verspätung am Zielahnhof von 65 Minuten.
Nehmen wir weiter an, es existiere eine alternative Verbindung am Umstiegsbahnhof (in meinem Beispiel also Frankfurt) die ich erreichen könnte und bei der die Verspätung am Zielbahnhof nur bei 55 Minuten läge.

Wenn ich trotzdem die ursprünglich gebuchte Verbindung nehme, habe ich dann Anspruch auf die Erstattung von 25% des Ticketpreises?

Falls ja:
Gilt das auch für Extremfälle. Z.B. wenn die Verspätung des ursprünglich gebuchten Zuges größer ist als 120 Minuten (oder sogar größer als 240 Minuten)?

Falls nein:
Auch hier interessieren mich "Grenzfälle": Ohne Navigator-App und bei Fahrten in eine Ortschaft im Rheinland oder Ruhrgebiet kann sich durchaus die Konstellation ergeben, dass man von der schnelleren Alternativverbindung garnichts weiß, weil die Möglichkeiten von A nach B zu kommen wirklich unüberschaubar groß sind. Wie kann ich in einem solchen Fall nachweisen/begründen, dass es mir unmöglich war, mich über die schnellere Alternative zu informieren?
Was ist z.B. wenn die schnellere Verbindungen mehr Umstiege beinhaltet, die Umsteigezeiten knapper sind, es (bei 1.-Klasse-Tickets) keine 1.-Klasse in dem Zug gibt oder man Regionalzüge anstatt (bequemere) Fernzüge nutzen muss?

Vielen Dank

TG1979
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Die Antwort wurde von DB Bahn bestätigt

Es ist eigentlich ganz einfach und betrifft alle Fälle, auch ihren geschilderten.
Maßgeblich entscheidend ist die geplante Ankunftszeit an ihrem Zielort. Ist diese abzusehen und ist höher als 20 Minuten, können sie einen anderen Zug nehmen, egal welche Zuggattung (außer Reservierungspflichtige) egal zu welcher Uhrzeit.
Ist diese Verspätung noch nicht abzusehen, müssen sie die gebuchten Züge nehmen.
Genauso ist es mit der Verspätung. Fahren sie bei Verspätung früher, kommen mit unter 1 Stunde Verspätung am Ziel an, gibt es keine Erstattung. Ist aber die Zugbindung aufgehoben und sie nehmen einen späteren Zug, welcher über 1 Stunde später am Ziel ankommt, gibt es die Erstattung. Bei Zugbindungsaufhebung sind sie nicht verpflichtet, den nächsten bzw. schnellsten Zug zu nehmen. Sie können den nehmen, der ihnen persönlich am besten zusagt. Die im Navigator angegebene "alternative Verbindung" können sie im Verspätungsfall nehmen, müssen sie aber nicht.
Wenn ihr Zug aber keine Verspätung hat, dürfen sie auch gar nicht die "alternative Verbindung" nehmen.

Am Besten immer einen Screenshot machen wenn sie unterwegs sind und im Navigator eine Verspätung feststellen. Sobald festssteht, dass sie mit 20 Minuten später ankommen würden, haben sie praktisch freie Zugwahl. Das ganze Fahrgastrechtesystem steht und fällt bei den 20 Minuten am Zielort. Und bei der Erstattung bei der einen Stunde Verspätung.

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Es ist eigentlich ganz einfach und betrifft alle Fälle, auch ihren geschilderten.
Maßgeblich entscheidend ist die geplante Ankunftszeit an ihrem Zielort. Ist diese abzusehen und ist höher als 20 Minuten, können sie einen anderen Zug nehmen, egal welche Zuggattung (außer Reservierungspflichtige) egal zu welcher Uhrzeit.
Ist diese Verspätung noch nicht abzusehen, müssen sie die gebuchten Züge nehmen.
Genauso ist es mit der Verspätung. Fahren sie bei Verspätung früher, kommen mit unter 1 Stunde Verspätung am Ziel an, gibt es keine Erstattung. Ist aber die Zugbindung aufgehoben und sie nehmen einen späteren Zug, welcher über 1 Stunde später am Ziel ankommt, gibt es die Erstattung. Bei Zugbindungsaufhebung sind sie nicht verpflichtet, den nächsten bzw. schnellsten Zug zu nehmen. Sie können den nehmen, der ihnen persönlich am besten zusagt. Die im Navigator angegebene "alternative Verbindung" können sie im Verspätungsfall nehmen, müssen sie aber nicht.
Wenn ihr Zug aber keine Verspätung hat, dürfen sie auch gar nicht die "alternative Verbindung" nehmen.

Am Besten immer einen Screenshot machen wenn sie unterwegs sind und im Navigator eine Verspätung feststellen. Sobald festssteht, dass sie mit 20 Minuten später ankommen würden, haben sie praktisch freie Zugwahl. Das ganze Fahrgastrechtesystem steht und fällt bei den 20 Minuten am Zielort. Und bei der Erstattung bei der einen Stunde Verspätung.

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Man kann Sie nicht zur Recherche und Nutzung erstattungsfreier Verbindungs-Alternativen verdonnern (aber wer weiß - es wird ja gerne was auf die Kunden abgewälzt...) Wenn Sie die Züge so nutzen, wie auf Ihrem Ticket mit Zugbindung gebucht und die Verspätung am Zielbahnhof ist ab/größer 60 Minuten, haben Sie das Recht auf Erstattung gem. Fahrgastrechte.

Joeopitz
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Die Aufhebung der Zugbindung ab einer Verspätung von 20 Minuten berechtigt Sie andere Züge zu benutzen. Eine Pflicht dazu besteht nicht. Sie können auch mit den von Ihnen gebuchten Zügen weiterfahren.

Eine andere Frage ist der Erstattungsanspruch bei Verspätung. Dieser Anspruch setzt voraus, dass die Verspätung auf "bahnverschulden" zurückzuführen ist. Wenn die Bahn eine schnellere Möglichkeit bietet zu Ihrem Zielbahnhof zu gelangen, Sie diese Verbindung aber aus einenem Entschluss nicht nutzen, ist die daraus resultierende Ankunftszeit kein Bahnverschulden mehr. Wenn die Bahn nicht Schuld hat, muß sie auch nicht entschädigen.

Eine andere Frage ist, ob Sie die Möglichkeit hatten die schnellere Verbindung zu nutzen. Dazu muss man diese Verbindung erstmal kennen. Wenn Sie über diese Weiterreisemöglichkeiten nicht durch Zugbegleiter, Aushänge oder Durchsagen ausreichend informiert wurden, kann durchaus ein Entschädigungsanspruch bestehen.

Kurz gesagt, wenn Sie absichtlich später fahren -> kein Bahnverschulden -> keine Entschädigung.

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@Joeopitz
Wie soll denn nachgewiesen werden, dass jemand 'absichtlich' später fährt?
Und eine Verspätung innerhalb einer gebuchten Reisekette ist normalerweise immer "Bahnverschulden".

Joeopitz
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@ Benutzerin

Wenn ich meinen gebuchten Zug mit 65 Minuten Verspätung nehme, statt der nächstmöglichen Verbindung mit 55 Minuten werde ich eine Erstattung bekommen.

Wenn die Weiterfahrt mit einem ICE geplant ist der wegen Schneechaos mit 300 Minuten Verspätung angekündigt ist, allerdings vom Umsteigebahnhof alle 30 Minuten auch eine Regionalbahn zu meinem Reiseziel fährt, dann werde ich schlechte Karten haben mehr als 120 Minuten Verspätung (und damit 50% des Fahrpreises) geltend zu machen, wenn ich in der Zeit 10 Regionalbahnen hab sausen lassen.

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Das ist jetzt aber sehr hypothetisch...

TG1979
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Vielen Dank für die schnellen und teilweise sehr ausführlichen Antworten.
(An meinem "Falls ja"/"falls nein" hat man sicher schon gemerkt, dass ich einige der unterschiedlichen Beantwortungsmöglichkeiten auch schon vermutet hatte)

Ich habe dennoch noch zwei Nachfragen bzgl. der "Recherchepflicht" (Besser: Obliegenheit, denn es geht ja nur um mögliche Erstattungsansprüche - Man hat ja weiterhin ein gültiges Ticket für den gebuchten Zug - trotz dessen Verspätung)

1. Nach der Antwort von Bahnfrosch, die auch von db bestätigt wurde, besteht also ab einer Verspätung von 20 Minuten am Endbahnhof die Obliegenheit, mir selbst eine mögliche schnellere Verbindung herauszusuchen. Wenn ich einfach den gebuchten Zug nehme, dieser dann am Zielbahnhof gegenüber der gebuchten Zeit über 60 Minuten Verspätung hat, bin ich zwar nicht schwarz-gefahren, aber mir steht auch kein kein Erstattungsanspruch zu. (?)

Das gilt also ausdrücklich auch für die Fälle, in denen ich von dem schnelleren Verbindung nichts wissen konnte, weil sie (wenn überhaupt) nur über die Online-Auskunft oder über einen Service-Punkt der Bahn zu entdecken waren?

(Denn entgegen meines provokanten 240-Minuten-in-Frankfurt-Beispiels, wo man sich ja schon denken konnte/musste, dass dort kein Erstattungsanspruch gibt, sind es ja gerade zeitlich ganz knappe Situationen und/oder Fälle in denen man auf einem Provinzbahnof ohne Service-Punkt und Personal festsitzt, in denen so eine Konstellation auftritt)

Und ganz so hypothetisch, wie hier von einer Benutzerin dargestellt, ist der Fall nicht. Es gibt durchaus Bahnhöfe, die man (natürlich immer nur bei längeren Fahrten) etwa zeitgleich über 2 unterschiedliche Strecken erreichen kann. Meistens ist davon natürlich eine Strecke ein kleines, aber entscheidendes Stück schneller - und wenn es auf diesem kleinen aber entscheidenden Stück zu Verspätungen kommt, dann kann die hier dargestellte Situation kommen.
Klar, auf der Strecke München-Hamburg mit S-Bahn-Vorlauf kommt sowas nicht vor! (Aber schon wenn es um S-Bahn-NACHlauf geht, kann ein geschickter Wechsel von S-Bahn auf RE oder RB 10 Minuten sparen. Und manchmal sind das eben die 10 Minuten, die entscheiden)

Nun aber zur 2. Nachfrage:

Gilt diese Recherche"pflicht" auch, während man im Zug sitzt, oder nur an den Umsteigebahnhöfen?
Der Einfachheit halber folgendes Beispiel:

Ich fahre von Großstadt nach Kleinstadt über andere-Großstadt (Großstadt nach andere-Großstadt mit dem ICE und von andere-Großstadt nach Kleinstadt mit der S-Bahn). Mein ICE hat Verspätung, sodass ich über meine ursprüngliche Route erst 65 Minuten nach der gebuchten/geplanten Zeit ankomme. Durch die Verspätung meines Zuges hat sich allterdings noch die Alternative ergeben, schon in Vorstadt auszusteigen und (ohne Umweg über andere-Großstadt) mit dem RB oder einer anderen S-Bahn mit bloß 55 Minuten Verspätung in Kleinstadt anzukommen.
(Da ich nach Kleinstadt fahre, wird auch kein Zugbegleiter diese Alternative im Zug durchsagen).
Wenn ich nun aber nichtsahnend sitzenbleibe, meine reguläre Strecke weiterfahre und mit 65 Minuten Verspätung ankomme, erhalte ich dann eine Erstattung oder kann man mir vorhalten, ich hätte die 10 Minuten schnellere Alternative nehmen müssen?

Vielleicht noch eine Sache: Dass man in engen Konstellationen bei Glück und einem netten Service-Mitarbeiter auf Kulanz hoffen darf, das ist mir klar. Aber mich interessiert ja nicht das Maximum, das man bei einem kulanten Mitarbeiter im Service-Center erwarten darf, sondern das Minimum, das mir auch ohne Kulanz rechtlich zusteht.

Herzlichen Dank schon einmal für's Lesen dieser Wall-of-Text

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"Wenn ich einfach den gebuchten Zug nehme, dieser dann am Zielbahnhof gegenüber der gebuchten Zeit über 60 Minuten Verspätung hat, bin ich zwar nicht schwarz-gefahren, aber mir steht auch kein kein Erstattungsanspruch zu. (?)"
Doch.
Die Aufhebung der Zugbindung soll den Reisenden die Möglichkeit geben, ihr Ziel trotz der Verspätung so früh wie möglich zu erreichen. Eine Pflicht, einen anderen als den gebuchten Zug zu nehmen, besteht aber nicht. Ein Aspekt ist ja z.B., dass man für einen anderen Zug in der Regel keine Reservierung besitzt. Und viele Menschen sitzen wahrscheinlich lieber eine halbe Stunde länger, als vielleicht mehrere Stunden zu stehen.

Und nochmal: Sie haben keine Recherche-Pflicht.

TG1979
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Liebe Benutzerin,

vielen Dank für den Hinweis. Sie haben vollkommen Recht - vor lauter Nachdenken über seltene Konstellationen habe ich wohl Bahnfroschs Antwort falsch gelesen. Peinlich ...

Aber nach Bahnfroschs Antwort:
"Fahren sie bei Verspätung früher, kommen mit unter 1 Stunde Verspätung am Ziel an, gibt es keine Erstattung. Ist aber die Zugbindung aufgehoben und sie nehmen einen späteren Zug, welcher über 1 Stunde später am Ziel ankommt, gibt es die Erstattung. Bei Zugbindungsaufhebung sind sie nicht verpflichtet, den nächsten bzw. schnellsten Zug zu nehmen. Sie können den nehmen, der ihnen persönlich am besten zusagt."

bekomme ich im Extremfall also auch eine Erstattung von 50% wenn ich einen späteren Zug nehme, der dann aber mehr als zwei Stunden zu spät kommt?
Ich glaube, DAS kann ja auch nicht gemeint sein, oder?

Joeopitz
Joeopitz

Joeopitz

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"Vielleicht noch eine Sache: Dass man in engen Konstellationen bei Glück und einem netten Service-Mitarbeiter auf Kulanz hoffen darf, das ist mir klar. Aber mich interessiert ja nicht das Maximum, das man bei einem kulanten Mitarbeiter im Service-Center erwarten darf, sondern das Minimum, das mir auch ohne Kulanz rechtlich zusteht."

Wenn die gebuchte Strecke "nichtsahnend" weitergefahren wird und ich mit Verspätung ankomme, habe ich sicher keine Obliegenheiten verletzt, auch wenn es theoretisch eine schnellere Verbindung geben würde.

Sollten günstigere Reisemöglichkeiten offensichtlich sein (Durchsage in Richtung Kleinstadt eine andere Verbindung zu nutzen, Hinweis vom ZUB, NV alle 30 Min. o.ä.) und ich nutze sie absichtlich nicht, dann ist nicht mehr von bahnverschulden für meine tatsächliche Ankunftszeit auszugehen.

Wenn im Fahrgastcenter der Anspruch geprüft wird kann man davon ausgehen, das die genutzte Verbindung mit den entsprechenden Anschlüssen überprüft wird. Solange das schlüssig ist, ist alles OK. Nach nichtgenutzten Alternativen wird man nicht extra suchen.

Nur wenn eine offensichtliche Alternative nicht genutzt wird um eine Entschädigung zu kassieren, könnten die Karten schlecht stehen.

Im Zweifel das Formular mit der Verbindung einreichen. Entweder man bekommt eine Entschädigung oder eine Begründung für die Ablehnung. Danach kann man entscheiden ob man gegen die Ablehnung Einspruch einlegt oder es dann akzeptiert.