Frage beantwortet

Was bleibt vom Konzept "Mehr Bahn für Metropolen und Regionen" aus dem Jahr 2015 übrig?

In ihrem am 18.03.2015 vorgestellten Programm "Mehr Bahn für Metrolen und Regionen" hat die DB Fernverkehr AG eine Reihe Verbesserungen versprochen. Einige standen unter dem Vorbehalt, dass ein entsprechender Infrastruktrausbau erfolgt. Viele Weitere wurden ohne Nennung von irgendwlechen Bedingungen angegeben. Dazu zählten auch ein IC zwischen Nürnberg und Stuttgart über Schwäbisch-Hall Hessental ab Dezember 2018 und ein IC Münster - Siegen - Frankfurt ab Dezember 2019.
Der geplante Betriebsstart einiger neuer IC-Verbindungen fiel auffälligerweise mit dem Auslaufen von Verkehrsverträgen für die Nahverkehrsverbindungen auf den sntsprechenden Strecken zusammen. Auf entsprechende Nachfrage teilte der DB-Konzern auf Facebook dazu mit:
"Der geplante Ausbau des Fernverkehrs, der heute vorgestellt wurde, wird in jedem Fall auch ohne Unterstützung der Länder umgesetzt und ist eigenwirtschaftlich geplant. Es wird also keinen bestellten Fernverkehr geben."
(siehe https://www.facebook.com/deutschebahn/posts/9383674628489...)
Auch Berthold Huber, zu der Zeit Vorstandsvorsitzender DB Fernverkehr, wurde wie folgt zitiert:
"Der Fernverkehr wird weiterhin eigenwirtschaftlich arbeiten. Der Ausbau der IC-Verbindungen wird in jedem Fall umgesetzt."
(siehe RegioAktuell, Ausgabe Juni - August 2015, S. 3)
In dem Zusammenhang würde ich mich über die Beantwortung folgender zwei Fragen sehr freuen.
1. Sind diese Aussagen zutreffend?
2. Wird insbesondere die IC-Anbindung für Siegen und Schwäbisch-Hall Hessental wie geplant kommen?

Hintergrund meiner Frage sind zwei Informationen, die ich im Internet fand.
Die erste bezieht sich auf den IC Nürnberg - Schwäbisch-Hall-Hessental - Stuttgart. Wie das Ministerium für Verkehr Baden-Württemberg am 21.06.2016 mitteilte, wird es keine Integration des DB-Fernverkehrsangebots auf der Murrbahn geben (siehe http://vm.baden-wuerttemberg.de/de/ministerium/presse/pre...). Eine Stellungnahmme der DB zu dem Sachverhalt liegt mir nicht vor.

Die zweite Information bezieht sich auf die IC-Verbindung Trier - Koblenz (geplant ab Dezember 2030). Wie der Trierer Volksfreund berichtete machte Ronald Profalla klar, dass es Fernverkehr nach Trier nur geben werde - auch nach 2030 - wenn dieser in den bestehenden Nahverkehr integriert werde, wenw also IC-Züge auf der Moselstrecke mit Nahverkehrstickets benutzt werden können. Diese von dem Bahnvorstand immer wieder betonte Integration bedeutet aber auch, dass das Land, das für den Nahverkehr zuständig ist, den Fernverkehr in der Region bezuschussen müsse.
Quelle: http://www.volksfreund.de/nachrichten/region/rheinlandpfa...

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Team

Hallo Br624,

vielen Dank für Ihre umfassende Anfrage! Wir erläutern gerne die Rahmenbedingungen, die aus unserer Sicht bei der Einrichtung einer neuen IC-Linie entscheidend sind:

Mit dem in der Fernverkehrsoffensive beschriebenen Flächennetz planen wir, unser Liniennetz in den nächsten 15 Jahren systematisch auf Streckenabschnitte zu erweitern, die aktuell keinen oder nur einen sporadischen Fernverkehrsanschluss haben. Durch die neuen Linien wird sich das Verkehrsangebot auf manchen Strecken umfassend ändern. Allein das Ermöglichen der neuen IC-Linien, aber auch die Herstellung kundenrelevanter Anschlüsse erfordert dabei häufig eine Anpassung bestehender Nahverkehrskonzepte. Da wir auf den Einführungszeitpunkt der neuen Linien mehr Einfluss haben als bspw. bei der Inbetriebnahme von Neubaustrecken, haben wir den geplanten Betriebsstart absichtlich auf das Auslaufen bestehender Verkehrsverträge gelegt. Zu diesen Zeitpunkten bestehen die größten Freiheitsgrade Nahverkehrs-Konzepte zu verändern. Der Sinn dieser Vorgehensweise wird vermutlich deutlicher, wenn man sich das Gegenteil vorstellt: DB Fernverkehr hätte ohne Rücksicht auf laufende Nahverkehrsverträge ein Ausrollen des Flächennetzes geplant. Erlösprognosen und Trassierungen bereits vereinbarter Verträge zwischen Ländern und Nahverkehrsunternehmen hätten korrigiert werden müssen. Eventuell fehlten für ein angepasstes Betriebskonzept Züge oder eine wichtige Anschlussverknüpfung hätte nicht hergestellt werden können. Auf bis zu 15 Jahre kalkulierte Umsatzerwartungen im Nahverkehr müssten durch die plötzlich parallel verlaufenden IC-Züge nach unten korrigiert werden oder verschieben sich zwischen voneinander unabhängigen Marktteilnehmern.

Auf manchen Achsen glauben wir, dass nur kleinere Anpassungen zugunsten besserer Anschlüsse und attraktiverer Fahrzeiten erforderlich sind. Auf anderen erwarten wir hingegen, dass die Nachfrage zu klein ist, um eine neue IC-Linie einfach zusätzlich zum heutigen Nahverkehrsangebot einzuführen. In diesen Fällen besprechen wir mit den Aufgabenträgern, welches Angebotsvolumen marktadäquat ist. Der Fernverkehr muss als eigenwirtschaftliches Unternehmen besonders darauf achten, auf den neuen Strecken keine Überkapazitäten zu schaffen. Aber auch aus Sicht der Aufgabenträger ist eine frühzeitige Abstimmung sinnvoll: Immerhin ist es für den Zuschussbedarf einer Nahverkehrslinie durchaus relevant, wie viel Marktpotenzial ein paralleler Fernverkehr bereits abschöpft. Solche Abstimmungen sind deshalb nichts Ungewöhnliches. Sie finden z.B. auch statt, wenn Länder Nahverkehrspläne neu auflegen und den Fernverkehr um eine Stellungnahme bitten.

Im konkreten Fall der Murrbahn (Nürnberg - Stuttgart über Schwäbisch Hall) haben sich die Aufgabenträger in Bayern und Baden-Württemberg nach einem ausführlichen Austausch mit dem Fernverkehr letztlich für eine Fortschreibung des Nahverkehrskonzepts über 2018 hinaus entschieden. Die DB Fernverkehr hat daraufhin die Pläne für eine neue Intercity-Linie verworfen, weil sie in Konkurrenz zum mindestens zweistündlichen Nahverkehr nicht wirtschaftlich zu betreiben gewesen wäre. Zur IC-Linie Münster - Siegen - Frankfurt laufen derzeit die Abstimmungsgespräche in NRW und Hessen.

Für die im Rahmen der Kunden- und Angebotsoffensive vorgestellten neuen IC-Linien gibt es keine Verpflichtung, eine finanzielle Vereinbarung über die Anerkennung der Tarife des Nahverkehrs in den IC-Zügen des Fernverkehrs abzuschließen, auch nicht auf der Moselstrecke. Die Initiative dafür geht von den Ländern aus, wenn sie den Bürgerinnen und Bürgern auf bestimmten Streckenabschnitten ein Angebot aus einem "Tarifguss" machen möchte. Da mit einer solchen Tarifanerkennung ein Umsatzverlust für den Fernverkehr einher geht, sind Ausgleichszahlungen vorgesehen.

Viele Grüße aus Berlin /ma

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Hallo Br624,

ich habe auch nicht mehr Informationen, als die, die in Ihren Links bereits genannt wurden, vorliegen. Hier sind ja auch einige politische Entscheidungen zu treffen. Daher habe ich Ihre Fragen an unseren Fachbereich weitergeleitet. Ob und wann ich eine Rückmeldung erhalten werde, kann ich jedoch nicht sagen. Ich bitte Sie hier um ein wenig Geduld. Viele Grüße /tr

Br624
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Guten Tag tr,

danke für Ihre erste Rückmeldung. Sollte es aus dem Fachbereich eine Rückmeldung geben, würde mich das sehr freuen.

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Hallo Br624,

vielen Dank für Ihre umfassende Anfrage! Wir erläutern gerne die Rahmenbedingungen, die aus unserer Sicht bei der Einrichtung einer neuen IC-Linie entscheidend sind:

Mit dem in der Fernverkehrsoffensive beschriebenen Flächennetz planen wir, unser Liniennetz in den nächsten 15 Jahren systematisch auf Streckenabschnitte zu erweitern, die aktuell keinen oder nur einen sporadischen Fernverkehrsanschluss haben. Durch die neuen Linien wird sich das Verkehrsangebot auf manchen Strecken umfassend ändern. Allein das Ermöglichen der neuen IC-Linien, aber auch die Herstellung kundenrelevanter Anschlüsse erfordert dabei häufig eine Anpassung bestehender Nahverkehrskonzepte. Da wir auf den Einführungszeitpunkt der neuen Linien mehr Einfluss haben als bspw. bei der Inbetriebnahme von Neubaustrecken, haben wir den geplanten Betriebsstart absichtlich auf das Auslaufen bestehender Verkehrsverträge gelegt. Zu diesen Zeitpunkten bestehen die größten Freiheitsgrade Nahverkehrs-Konzepte zu verändern. Der Sinn dieser Vorgehensweise wird vermutlich deutlicher, wenn man sich das Gegenteil vorstellt: DB Fernverkehr hätte ohne Rücksicht auf laufende Nahverkehrsverträge ein Ausrollen des Flächennetzes geplant. Erlösprognosen und Trassierungen bereits vereinbarter Verträge zwischen Ländern und Nahverkehrsunternehmen hätten korrigiert werden müssen. Eventuell fehlten für ein angepasstes Betriebskonzept Züge oder eine wichtige Anschlussverknüpfung hätte nicht hergestellt werden können. Auf bis zu 15 Jahre kalkulierte Umsatzerwartungen im Nahverkehr müssten durch die plötzlich parallel verlaufenden IC-Züge nach unten korrigiert werden oder verschieben sich zwischen voneinander unabhängigen Marktteilnehmern.

Auf manchen Achsen glauben wir, dass nur kleinere Anpassungen zugunsten besserer Anschlüsse und attraktiverer Fahrzeiten erforderlich sind. Auf anderen erwarten wir hingegen, dass die Nachfrage zu klein ist, um eine neue IC-Linie einfach zusätzlich zum heutigen Nahverkehrsangebot einzuführen. In diesen Fällen besprechen wir mit den Aufgabenträgern, welches Angebotsvolumen marktadäquat ist. Der Fernverkehr muss als eigenwirtschaftliches Unternehmen besonders darauf achten, auf den neuen Strecken keine Überkapazitäten zu schaffen. Aber auch aus Sicht der Aufgabenträger ist eine frühzeitige Abstimmung sinnvoll: Immerhin ist es für den Zuschussbedarf einer Nahverkehrslinie durchaus relevant, wie viel Marktpotenzial ein paralleler Fernverkehr bereits abschöpft. Solche Abstimmungen sind deshalb nichts Ungewöhnliches. Sie finden z.B. auch statt, wenn Länder Nahverkehrspläne neu auflegen und den Fernverkehr um eine Stellungnahme bitten.

Im konkreten Fall der Murrbahn (Nürnberg - Stuttgart über Schwäbisch Hall) haben sich die Aufgabenträger in Bayern und Baden-Württemberg nach einem ausführlichen Austausch mit dem Fernverkehr letztlich für eine Fortschreibung des Nahverkehrskonzepts über 2018 hinaus entschieden. Die DB Fernverkehr hat daraufhin die Pläne für eine neue Intercity-Linie verworfen, weil sie in Konkurrenz zum mindestens zweistündlichen Nahverkehr nicht wirtschaftlich zu betreiben gewesen wäre. Zur IC-Linie Münster - Siegen - Frankfurt laufen derzeit die Abstimmungsgespräche in NRW und Hessen.

Für die im Rahmen der Kunden- und Angebotsoffensive vorgestellten neuen IC-Linien gibt es keine Verpflichtung, eine finanzielle Vereinbarung über die Anerkennung der Tarife des Nahverkehrs in den IC-Zügen des Fernverkehrs abzuschließen, auch nicht auf der Moselstrecke. Die Initiative dafür geht von den Ländern aus, wenn sie den Bürgerinnen und Bürgern auf bestimmten Streckenabschnitten ein Angebot aus einem "Tarifguss" machen möchte. Da mit einer solchen Tarifanerkennung ein Umsatzverlust für den Fernverkehr einher geht, sind Ausgleichszahlungen vorgesehen.

Viele Grüße aus Berlin /ma

Br624
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Guten Tag ma,

danke für die ausführliche und zeitnahe Antwort.
Ich werde die weitere Entwicklung im Fernverkehrsnetz der DB mit Interesse verfolgen.