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Warum sperrt sich die DB gegen Defis und provoziert so vermeidbare Herztode?

Die sture Haltung der DB provoziert viele vermeidbare Herztode, in Frankreich gibt es dagegen mittlerweile in vielen Bahnhöfen und allen Hochgeschwindigkeitszügen Defribrillatoren. Als Elektroingenieur würden mich die angeblichen technischen Gründe sehr interessieren, warum es bei der SNCF mit 25kV und 50Hz keine Probleme gibt, bei der DB mit 15kV und 16 2/3 bzw. 16,7 Hz aber schon. Werten Defis denn etwa das magnetische Feld aus, und nicht das elektrische, das bei höherer Spannung und Frequenz in Frankreich doch stärker gestört wird, als bei DB-Verhältnissen?
Ach ja: Auch ALLE norwegische Fernzüge haben Defis (Hjertestarter =Herzstarter) an Bord, einfach mal „nsb hjertestarter“ googeln:
http://www.dt.no/nyheter/drammen/nyheter/etterlyser-hjert...
Und das unter dem gleichen Bahnstrom, der DB angeblich technische Probleme bereitet:
https://de.m.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Bahnstromsysteme

Die DB verhindert sogar noch die Installation
http://www.rettungsdienst.de/magazin/deutsche-bahn-keine-...
und verschanzt sich hinter einer uralten Studie im Auftrag der ÖBB:
https://www.i-med.ac.at/mypoint/archiv/2004050401.xml

2004 war das Fazit dort: „Handlungsbedarf gegeben: Die Autoren schließen aus den Ergebnissen der Untersuchung, dass Fehlfunktionen von AEDs in der Nähe von elektromagnetischen Störquellen unbedingt vermieden und speziell für den Einsatz im Bahnreiseverkehr (Hochspannung mit 16,7 Hz Wechselstrom wird im Bahnnetz von Deutschland, Österreich, Schweiz, Schweden und Norwegen verwendet) sicherer gemacht werden müssen.“

Das Problem ist 12 Jahre später in Norwegen mittlerweile offenbar gelöst. Worauf warten DB und ÖBB noch, auf den ersten prominenten Herz-Toten in einem ICE oder Railjet, der mit einem Defi überlebt hätte? Bei der SNCF, die bis 2008 noch dieselben Ausreden wie die DB hatte und sich zunächst keiner Schuld bewußt war, hatte ein solcher Vorfall
http://archives-lepost.huffingtonpost.fr/article/2008/10/...
ja auch ein Überdenken des selben sturen Standpunktes ausgelöst:
http://www.skverlag.de/rettungsdienst/meldung/newsartikel...
Wie ein Beitrag in einem anderen Thread eindrücklich unterstreicht, investiert die DB offenbar nur dann in Sicherheit, wenn es entweder gesetzlich vorgeschrieben wird oder etwas passiert, siehe Eschede (Radreifen), Rüsselsheim (Indusi -> PZB90), Hordorf (weder PZB90 noch uralt-Indusi nach Stand von 1930),…
Wieviele von der Presse unbeachtete Herztode in DB-Zügen wären wohl schon wie in Frankreich oder Norwegen vermeidbar gewesen?

Leo
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Antworten

Hallo Leo,
sorry, auf Anhieb kann ich hierzu leider nichts sagen. Ich habe aber einmal beim Fachbereich nachgefragt. Sobald eine Rückmeldung dazu kommt, melde ich mich hier wieder. /je

Ich habe jetzt eine Rückmeldung erhalten.

Wie Sie ja schon geschrieben haben, hat die Deutsche Bahn auf ihren Zügen keine automatisierten externen Defibrillatoren (AED) installiert. Ein solcher Einsatz wurde intensiv geprüft, in Form einer umfangreichen Studie im Jahr 2007. Seitdem werden fortlaufend die aktuellen Erkenntnisse und Entwicklungen zum Einsatz von AED beobachtet und bewertet. Allerdings ist es nach allen Ergebnissen unserer Studien kaum möglich, ein sinnvolles Einsatzkonzept zu erstellen. Bei einem Herzstillstand muss innerhalb der ersten 5 Minuten der AED zum Einsatz kommen - dass heißt, er muss in dieser kurzen Zeit gefunden, aus seiner Aufhängung genommen und eingesetzt werden. Unsere Züge sind aber teilweise sehr lang und es gibt aktuell kein sinnvolles Konzept, dass einen Einsatz in 5 Minuten sicherstellt. Die Voraussetzungen dafür sind beispielsweise in einem sehr überschaubaren Flugzeug deutlich besser.

Die Mitarbeiter der DB in den Fernverkehrs- und Regionalzügen sind notfallmedizinisch geschult. Alle Zugchefs und Kundenbetreuer im Nahverkehr absolvieren im Rahmen ihrer Funktionsausbildung die Grundausbildung zum "Ersthelfer". Das Wissen und die Fertigkeiten werden anschließend alle zwei Jahre in Fortbildungen aufgefrischt.

Der Einsatz von Defibrillatoren im Bahnhof ist derzeit aus überwiegend technischen Gründen nicht vorgesehen. Es bedarf weiterer technischer Erkenntnisse und möglicherweise auch einer Weiterentwicklung der Geräte.
   
Es gibt keine gesicherten technischen Erkenntnisse über Wechselwirkungen mit der bahntypischen elektrischen Oberleitung (15.000 Volt, vom Ortsnetz abweichende Stromfrequenz 16 2/3 Hertz).
Defibrillatoren wären im Bahnhof oft Witterungseinflüssen ausgesetzt. Im Gegensatz zu Flughäfen, wo Defibrillatoren bereits häufig anzutreffen sind, sind die meisten Bahnhöfe keine geschlossenen und beheizten Gebäude. Zudem ist zu erwarten, dass auch Defibrillatoren Ziel von Vandalismus werden.
Ein am Bahnhof stationierter Defibrillator würde die Umgebungstemperatur annehmen. Je nach Bauart lassen sich ab Temperaturen um den 0 Grad-Bereich die Elektrodenpads nicht mehr zuverlässig anbringen. Das birgt ein erhebliches Risiko für Patient und Anwender. In großen Bahnhöfen halten zudem einige Pachtbetriebe Defibrillatoren im Innenbereich bereit. Liebe Grüße /je

Leo
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Defis in allen Zügen unter deutschem Bahnstromsystem? In Schweden und Norwegen kann man so gerettet werden, die DB läßt eiskalt sterben, denn anders lassen sich die faulen Ausreden m.E. im Vergleich zu den Verhältnissen im Ausland nicht interpretieren:
http://www.mynewsdesk.com/se/sj/pressreleases/sj-utrustar...
„Die Leitung der SJ“ (der nationalen schwedischen Eisenbahngesellschaft) „hat den Beschluss gefasst, alle SJ-Züge mit Defibrillatoren auszurüsten…im ersten Schritt die X2000-Flotte… Nach der Installation in den X2000 ist die Ausrüstung der übrigen Züge mit Defibrillatoren vorgesehen. Der genaue Plan für die Einführung steht z.Z. noch nicht fest.“
Das war 2011. 2015 findet man in einem schwedischen Bahnforum dann schon den anerkennenden Beitrag:
https://arskortguldsj.wordpress.com/2015/05/16/hjrtstarta...
„Defibrillator sogar im SJ-Regionalzug!“
Norwegen hatte ich ja bereits früher angesprochen. Nach den „neuesten“ DB-Untersuchungen von 2007 (und nicht wie von mir nach erstem Googeln unterstellt 2004) sollte sich die DB vielleicht mal z.B. dieses Modell anschauen, von dem die Herstellerfirma berichtet:
http://www.hjertestart.no/nyheter.html
„27 januar 2014: Mediq hat die Defibrillator-Ausschreibung der NSB gewonnen … Defribrillatoren werden in alle Langstreckenzüge montiert werden und für alle an Bord zugänglich sein.“
Aus gegebenem Herztod-Anlass 2013 hat sich sogar die behäbige SBB schon bewegt und will Defibrillatoren zumindest in den neuen Fernverkehrszügen montieren:
http://www.20min.ch/schweiz/news/story/Mann-stirbt-im-Int...
Bzgl. kältegeschütztem Standort an Bahnhöfen und weiteren aufgebauschten Nebelkerzen-Problemen empfehle ich Nachhilfe bei den SJ-Kollegen oder zur Anregung:
http://www.hjartstartarregistret.se/
Fazit: Ist der Herztod unter dem deutschen Bahnstromsystem (15 kV, 16 2/3 bzw. 16,7 Hz) vermeidbar? In Schweden in allen Zügen (zumindest der SJ, der DB Regio Sverige AB eher nicht, oder?), in Norwegen zunächst in allen Langstreckenzügen, in der Schweiz in den TGV Lyria und den neuen Fernzügen, in Deutschland heute schon in allen Zügen vom TGV-Typ, d.h. TGV auf den Strecken München-Stuttgart/Frankfurt <-> Paris/Marseille und Thalys auf der Strecke Essen-Köln <-> Paris. Nur in DB-Zügen ist der Herztod aus vorgeschobenen Gründen prinzipiell angeblich nicht vermeidbar…
Was würden die herzlosen DB-Verantwortlichen denn wohl sagen, wenn man sie eiskalt sterben ließe und ihnen trotz Notruf keinen Krankenwagen schickte, da der es gemäß der geschilderten Symptome leider nur in 7 statt der nach Richtlinie 0815 unbedingt erforderlichen 5 Minuten schaffen würde?